OWITA - Ostwestfälisches Institut für Innovative Technologien in der Automatisierungstechnik

Innovative Technologien in der Automatisierungstechnik

2. Gespräch im Lindenhaus

2. Gespräch im Lindenhaus mit Prof. Dr. Eberhard Sandschneider, Berlin

Chinas unheimlicher Erfolg durch Pragmatismus.

OWITA
Prof. Dr. Eberhard Sandschneider ist Otto-Wolff-Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

Lemgo (fhl). "Nichts wächst in China schneller als das Selbstvertrauen". Und: "Die Menschen in China wollen reich werden." Und. "Im kollektiven Bewusstsein haben die Menschen in China Angst vor dem Chaos." Drei ganz wichtige Grundannahmen, vorgetragen von einem intimen Kenner des aufstrebenden Reiches der Mitte: Prof. Dr. Eberhard Sandschneider war der Referent des 2. Gesprächs im Lindenhaus. Sein Thema. "Chinas unheimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens". 60 Zuhörern aus Wirtschaft und Hochschule brachte er in einem kompakten Schnellkurs die aktuelle Gemütslage und die künftige Wirtschaftskraft des 1,3 Milliarden-Volkes näher. Nicht düstere Bilder zeichnend ob der Größe des 'Global Players' und mächtigen Wettbewerbers für die westliche Welt. Sandschneider: "Wir sollten keine Angst vor China haben und auch nicht auf Chinas Fehler warten." Es sei ein Irrglaube, China missionieren zu können.

Chinas Gegenmodell, der "Erfolg durch Pragmatismus" (Sandschneider) mit all seinen vermeintlichen Widersprüchen, es funktioniert. Ein Land von der Größe Europas im Aufbruch. Kommunistische Gesellschaftsformation hier, kapitalistische Wirtschaftsordnung dort ("Vergessen Sie alles, was Sie bislang über kommunistische Systeme gelernt haben"). Höchst "innovativ" in Forschung und Entwicklung, gleichzeitig aber auch "imitativ", oder anders ausgedrückt: Produkt- und Patentpiraterie im großen Umfang. Arm und reich zugleich - 240 Millionen nahe dem Existenzminimum und täglich neue Millionäre. Alt und modern. Friedlich und aggressiv. Sandschneider: "Die politische Ideologie spielt nicht mehr die zentrale Rolle. Entscheidend ist die Leistung, die ein jeder erbringt." Anders ausgedrückt und einen Parteifunktionär zitierend: "Egal, ob die Katze weiß oder schwarz ist, sie muss Mäuse fangen." Die neue Mittelschicht sei strikt apolitisch. Das Streben nach Wohlstand bewegt die Gemüter.

Chinas Aufstieg ist unheimlich - und steckt voller Unwägbarkeiten. Da sind die gigantischen Umweltprobleme in eigenen Land: 100 Millionen so genannte "Umweltflüchtlinge", also Menschen, die ihren Heimatort verlassen, weil Luft- und Wasserqualität unerträglich sind. Da ist der riesige Verbrauch fossiler Energieträger. Und die demographische Entwicklung wirft schon jetzt düstere Schatten: die Gesellschaft wird in absehbarer Zeit überaltert sein. Sandschneider zeichnet pessimistisch: "China wird alt, bevor es reich wird". Und: "Die Kluft im Lande wächst und ist gewaltig."

Die Widersprüche treiben hier und da bunte Blüten. "In China zockt momentan jede Oma an der Börse." Ein Gesellschaftsspiel auf der Grundlage oftmals hoffnungslos überbewerteter börsennotierter Unternehmen. Crashs sind vorprogrammiert.

Dennoch: "Der Westen muss Chinas Gegenmodell ernst nehmen, eine Abschottung funktioniert nicht. Wir müssen uns dem wirtschaftlichen Wettbewerb aktiv stellen", so Politologe Sandschneider. Erstmals in der Geschichte sei hier ein "autokratisch geführtes System wirtschaftlich erfolgreich", vielleicht sogar erfolgreicher als ein demokratisches. Die Ohnmacht des Westens, auf diese neue Herausforderung zu reagieren, ist gewaltig. "Feindbilder wie die von der 'Gelben Gefahr' taugen nicht und Schadenfreude wäre ein schlechter Ratgeber." Die Regeln des Westens seien nicht mehr alleine bestimmend.

China habe Imageprobleme, sicherlich. Stichwort Taiwan, die Insel, die eigentlich zur Volksrepublik gehören soll, und die immer wieder gerne vom Westen in Erinnerung gerufen wird, um das restriktive System der Volksrepublik in Erinnerung zu rufen. Stichwort kommende Olympische Spiele, freie Meinungsäußerung und Bilder, die um die Welt gehen werden: "Da haben sich die Chinesen ein wenig verzockt."

Wie gesagt: der Westen soll kein Feindbild pflegen, sondern Kooperationen suchen. China ist eine Macht, und es ist China sehr daran gelegen, dass das globale und zugleich labile ökonomische Gleichgewicht erhalten bleibt. Und auch dies gilt, so Sandschneider beruhigend: "In China wachsen die Bäume nicht in den Himmel". Aber: "Wenn wir China als Feindbild stilisieren, werden wir China als Feind bekommen."

Prof. Eberhard Sandschneider, Autor zahlreicher Publikationen zum Thema China, ist Direktor des Otto-Wolff-Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und hatte unter anderem an der Freien Universität Berlin eine Professur für Politik Chinas und internationale Beziehungen übernommen. Er sprach - auf Einladung des Instituts für Kompetenzförderung (KOM) der Fachhochschule Lippe und Höxter - als 2. Referent im Rahmen der "Gespräche im Lindenhaus". Mit dieser Veranstaltungsreihe lädt die Hochschule im kleinen Kreis zur Diskussion über aktuelle politische Themen ein, insbesondere ihre Kooperationspartner aus Industrie und Wirtschaft. Das '2. Gespräch im Lindenhaus' wurde vom Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik und vom An-Institut OWITA GmbH - Innovative Technologien für die Automatisierungstechnik - gesponsert. Alt-Rektor Prof. Dr. Dietrich Lehmann, der Initiator der Gesprächsrunde, leitete die lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag.

Programm zum 2. Gespräch im Lindenhaus am 17.10.2007 (PDF)
(Download PDF von der Website der Fachhochschule Lippe und Höxter)

Berichterstattung FH-News (PDF)
(Download PDF von der Website der Fachhochschule Lippe und Höxter)

Quelle Artikel und Foto: Fachhochschule Lippe und Höxter, FH News http://www.fh-luh.de/kom/gesprcheimlindenh

[ Zur Übersicht "Newsarchiv" ]